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Fragmente II – Narben.

Aus dem Leben und den Erinnerungen des Rev. C. Schwarz.


Ein ganz gewöhnlicher Sommertag im Schwimmbad. Der Eisverkäufer hat sein Publikum, ausgelassene Stimmung, es riecht nach Sonnencreme, Bratwurst, Wiese und Chlor. Ein kleiner Junge stapft durch das Kinderbecken. Abkühlung. Spiel. Spaß. Es ist eine unbeschwerte Zeit. Niemand sorgt sich, kollektiver Rausch im Unbekümmert sein. Die Sonne ist fröhlich und buhlt um Freundschaft.

Am Rand des Kinderbeckens sitzen zwei Männer und rauchen, lachen, trinken. Sie winken den kleinen Jungen zu sich. Einer, der mit dem Tattoo eines Kreuzes in der Beuge zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand, fragt, ob der Kleine denn wüsste das ein Zündholz zweimal brennt. Seine Stimme ist hochprozentig, sein Atem sauer. Er zündet ein Zündholz an, pustet es aus und drückt das noch glühende Holz oberhalb des Bauchnabels in den erst dreijährigen Körper. Dann noch ein Holz und noch ein Holz. Blasen bilden sich, übersähen die zarte Haut mit kleinen Kratern. Der kleine Junge weint nicht. Auch nicht, als er die Glut der Zigarette an seinem Geschlechtsteil spürt. Er fühlt keinen Schmerz – nur die Wut, unterlegen und allein zu sein.

Dunkle Wolken ziehen auf, die Sonne schwindet betrübt aus der Landschaft, will kein Voyeur auf der Schwarz-Weiß-Postkarte dieses Moments sein. Alleine, hilflos, wehrlos, steht der kleine Junge noch im Kinderbecken, als die beiden Männer längst lachend weitergezogen sind. Etwas ist an diesen Tag in dem Kleinen zerbrochen. Wenn er groß und stark ist, so schwört er sich, wird er sich wehren. Er wünscht sich einen großen Freund zu haben. Wie den Typen, der gerade mit schweren Stiefeln, Sonnenbrille und starken Armen, einen Motorradhelm in der Hand, Richtung Ausgang des Schwimmbads geht. Er bleibt kurz stehen und lächelt den kleinen Jungen an, bevor er verschwindet.

Ein paar Jahre später ist aus dem kleinen Jungen ein Teenager geworden. Auf der ersten Seite der Montagszeitung ist von einem Leichenfund im Stadtpark die Rede. Zwei unbekannte Tote. Verbrannt. Selbstgebrannter Schnaps hat sich scheinbar durch eine Zigarette entzündet. Die beiden waren wohl zu betrunken, um merken was mit ihnen passiert. Es bleiben aber noch Fragen offen. Die beiden Leichen sind derart stark verbrannt, das eine Identifizierung nahezu unmöglich ist. Einzig eine Tätowierung in Form eines Kreuzes unterhalb des Daumens der linken Hand, ist bei einer der beiden Leichen erkennbar. Die Polizei bittet um Mithilfe.

Der Junge schaut aus dem Fenster, erinnert sich, fühlt den Moment noch einmal. Auf der anderen Straßenseite wirft ein Mann eine Zigarette auf die Straße, zieht seinen Helm auf, setzt sich auf sein Motorrad und startet. Bevor er losfährt blickt er hoch zum Fenster des Jungen, nickt ihm lächelnd zu und wird dann eins mit dem Asphalt. Der Junge versteht. Er läuft schnell runter auf die Straße, doch der Motorradfahrer ist schon zu weit weg.

Dort, wo der Motorradfahrer gestanden hatte, findet der Junge auf dem Bordstein eine Schachtel Zündhölzer. Sie riecht nach billigem Schnaps, ist fast leer – nur ein abgebranntes Zündholz liegt darin. Der Junge hebt die Schachtel auf, steckt sie in seine Hosentasche, lächelt. Es tut gut zu wissen, nicht allein zu sein. Am Ende der Straße verschwinden die Rücklichter des Motorrads.


(Musik: MONO – Little Boy)
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Fragmente I – Landschaft.

Aus dem Leben und den Erinnerungen des Rev. C. Schwarz.


Auf einer Wiese, im hohen Gras sitzend, die Arme die angewinkelten Knie umschliessend. Hinter ihm sitzt seine Erinnerung im geblümten Sommerkleid, flankiert schützend mit ihren Schenkeln die seinigen. Aneinandergelehnt wird der Moment eins mit dem nahen Horizont. Sinnlich und sphärenverschoben.

Hält ihn fest, umarmt ihn. Er fühlt wie eine Hand, behutsam geführt, die verschlüsselte Botschaft seines Rückens zu entziffern versucht. Trotz der düsteren Geschichte erzählt er von der ewigen Pracht blühender Lavendelfelder, decodiert jede einzelne Linie, verknüpft Tinte mit Landschaft, Worte mit Bildern und Gefühle mit Schweigen. Sie hat den Kopf in seinen Nacken gelegt, der Atem ein leiser Choral. Ein Energiefluss, stark und mächtig. Aus ihrer Mitte pulsiert es. Äonen von Wellen transformieren den Moment in unendliche Reinheit, codieren seine Geschichte neu und glätten die alten Narben.

Ein zarter Windhauch erfrischt die Stille, umhüllt den Moment mit dem Duft ferner Blumenwiesen, lässt das Geschehen unter den Schleierwolken des Schweigens verschwinden und verstärkt doch das Band das die beiden Seelen verbindet – unsichtbar und rein.

Das Klopfen zweier Herzen übertönt das schwere Atmen. Umschlungen sitzen sie, ihre Hände nun auf den entschwundenen Narben auf seinem Bauch. In einen Strudel geraten, untergehen, auftauchen. Der Wind trocknet die Tränen, lässt den Moment verflüchtigen und erzählt zum Abschied die Geschichte eines kleinen Jungen der hofft, der betet, dass die Pfirsichbäume niemals ihre Früchte verlieren, die Sonne niemals aufhört zu scheinen, das ein Moment ewig sei und niemand für nur einen Sommer tanzen sollte.


(Musik: Anja Lechner & Vassilis Tsabropoulos – Prayer)
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© by Reset Black. "Reset Black" is a Radioshow for those who enjoy sounds on the periphery of silence.