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Fragmente V. Leuchtfeuer.

Aus dem Leben und den Erinnerungen des Rev. C. Schwarz.


Dort, wo am finsteren Horizont die Sonne sich magentafarben zum Schlafen legt, ist ein Ort, der den mysteriösen Namen Neverland trägt. Dieser ist weit entfernt und unerreichbar für die meisten Menschen. Er weiß das. Seine Reisen führen ihn oft dorthin. Machmal aber – und das geht immer einher mit einer kaum wahrzunehmenden Veränderung des Farbspektrums – ist der Zugang dorthin verwehrt. Dann bemüht er seine Gedanken und eröffnet sich einen, dem Leuchtfeuer folgenden, neuen Weg.

Damals, als er seinen Schatten das erste mal verlor, sah er zuerst ihre Augen. Es waren Schimmer, Farbe und Tiefe. Eingebettet in die Tonalität des Rhythmus im Stauraum vieler Menschen. Es gab einen flüchtigen Moment der Berührung. Es waren wie zufällig ihre Fingerspitzen auf seinem verschwitzten Arm, kaum wahrnehmbar und doch war da bereits ein leise loderndes Feuer.

Später dann, in einem Moment der Abgeschiedenheit, als auf seiner Haut diese Berührung aus dem Garten der Vergangenheit zu Flammen wurde, verbarg er sich tief in Stille. Er wusste, diese Flammen sind nicht einfach so da, wie die anderen allgegenwärtigen Gefühlsfragmente, die sich im Handumdrehen zu einem simplen Puzzle zusammenfügen lassen. Nein, dieses Feuer stammt aus einer labyrinthischen Verborgenheit, dem See des Zufalls.

Er ließ das Feuer gewähren, es brannte unversehens lichterloh. Er probierte aus dem Sonnenkelch, wurde trunken, sah die alten Geschichten sanft verblassen und umarmte den Morgen bedingungslos. Die Wärme des Feuers ließ ihn einen Weg finden, an einen Ort, den nur wenige mutige Herzen erreichen. Neverland. Dort traf er sie wieder. Leuchtend, anziehend, flammend, die Richtung vorgebend.

Umschlungen im Strudel der Zeit, in der die Schmetterlinge zu Farben und die Libellen zu Licht werden, brannte sie ihm das Mal der Leidenschaft in seine Seele. Modellierte seinen Geist, schnitt den Schmerz aus seinen Armen und badete seinen Körper in einem milchigweißgrünen Licht. Salbte seine Lippen samtig weich, auf das sie sich immer zum sprechen öffnen mögen.

Immer dann, wenn die Blüten welken und der graue Nieselregen seine Trauergesänge anstimmt und wenn des Schwermuts Gehilfe, der Himmel, sein Gesicht verbirgt und der Tag am dunkelsten ist, fühlt er ein Brennen in seiner Seele und es leuchtet sein Mal. Dann ist der Moment gekommen, das er seine Augen schließt und schattenlos durch die Zeit fliegt – Neverland und dem Leuchtfeuer entgegen.

Und wenn der weiche Schein des Morgens die Melancholie der Nacht ihres Bannes beraubt, sieht man ihn, am Fenster stehend, den Blick in die Ferne gerichtet. Dann wird er wieder freier atmen, den Energiefluss in seinen Venen spüren und den Temperaturwechsel auf seiner Haut fühlen können. Es ist der Moment wenn er, von der Morgensonne berührt, die Leere an der Wand hinter ihm erste Konturen zeichnen lässt, die sich Sekunde für Sekunde mit seinem Schatten füllen bis er wieder vollständig ist.


(Musik: Rebekah Del Rio – Crying (Llorando)
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Fragmente IV – Unter Null.

Aus dem Leben und den Erinnerungen des Rev. C. Schwarz.


Wenn er spürt, dass der Sommer längst verschwunden ist, die Kälte die Luft erstarren lässt und der erste Herbststurm ihn fortnimmt, dann ist jener Moment gekommen, in dem das wohl geordnete Innenleben der Ruhe überdrüssig ist und die überdurchschnittliche Empfänglichkeit für den Schmerz der ihn aus dem Gestern ereilt, zunimmt. Unwürdige Momente der Hilflosigkeit, die den Pfad des Verlustes von Nähe vorherbestimmen und das Nest der Dämonen mit neuer Brut bestücken. Dann gibt der Boden unter ihm nach. Die Sonne über ihm schwindet und er schwankt. Ohne Rettungsseil hinein in den Sog des pechschwarzen Strudels der alles in Unordnung stürzt und hinein in die Sphäre in der Eins und Null bedeutungslos sind.

In der Evidenz des Sturzes zerfallen beide Hippocampi zu Antimaterie, diametral zur Fallrichtung sich verflüchtigend, wie die ehemals schönen Rosenblätter auf einem blasenwerfenden Sarg im Ofen des Krematoriums der Vergänglichkeit. Die Gedanken – in transluzenten Kugeln, Seifenblasen gleich – schweben mit ihnen. Je tiefer der Fall, umso mehr wird der Verlust der inneren Wärme offenbar. Danach verliert er die Erinnerungen an die Momente von Schönheit und Sinnlichkeit und sein Fühlen fällt „pathétique“, Oktave für Oktave, hinein ins Nichts.

Dann wird Stille sein.

Es klingt nichts mehr nach einem jubilierenden Choral oder einer emotional berührenden Symmetrie von Tönen, sondern nach einem langsam sterbenden Adagio, in dem die Akkorde wie versteinert, eingefroren, einsam und verloren, ohne Schallübertragung durch das Universum fliegen.

Es riecht nicht mehr nach Saline, Auster, Bergamotte, Blutorange und Kampfer. Ein betörender Geruch, der verständlich wird, wenn man begriffen hat, dass die Nasolabialfalte mehr als nur ein göttliches Solitär ist. Sondern ein ikonographisches Meisterwerk der Natur, das die Frau von einem Mädchen separiert.

Dann ist die Zeit gekommen, in der die Buchstaben ihre Texte verlassen und aus den Sätzen fliegen, das leere Papier blind und wellig wird und die Wörter ihre Umarmung mit der Tinte auf den Fasern des Geschöpften aufgeben – eins werdend mit dem Verlassensein.

Der Fall in den Ereignishorizont lässt ganze Gebirgsketten von Narben über die Landschaft seiner Derma ziehen. Krater, die tief und aktiv werden – sich ausbreitend, eruptiv Zelle für Zelle in den Mahlstrom schicken – verbunden mit dem Licht aller Sonnen, zerrieben zu Nichts.

Nach der Stille wird etwas, der letzte Rest von ihm, fast ein Gedanke nur, im Nirgendwo auf der Asche ehemals poetisch-schöner Rosenblätter liegen, der Vergänglichkeit ganz nah.

Von irgendwoher weht vielleicht ein Windhauch, der die unregelmäßigen Muster gerade rückt und symmetrisch anordnet – auf eine Art, wie es nur die Präsenz von Wärme zu erschaffen vermag. Dann könnte es sein, dass D’Alemberts Traum an dieser Stelle das oszillierende Messer wird, das eine Brücke des Lichts in die Wolken schneidet und genau den nötigen Grad an Bewegung erzeugt, der die Möglichkeit eröffnet sich bereit für den mühsamen Aufstieg zu machen. Zurück an den Ort, an dem die letzte Rose des Sommers ihre Kraft verliert, bevor sie gemeinsam mit ihren Schwestern stirbt. An den Ort, an dem die Möglichkeit besteht, die Rose zu pflücken und ihre Schönheit zu konservieren. Dorthin, wo die Sonne wieder über ihm steht und seine Begleiterin sein wird.


(Musik: Renée Fleming, English Chamber Orchestra & Jeffrey Tate – Last Rose of Summer [Thomas Moore])
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Fragmente III – Spuren.

Aus dem Leben und den Erinnerungen des Rev. C. Schwarz.


In seinem Himmel wohnen am Tage zwei Sonnen und in der Nacht zwei Monde. Es sind nicht einfach nur Gleiche die ihre Bahnen ziehen, sondern Seelenverwandte, von denen wechselseitig immer einer der beiden das Verfallsdatum, wie das eines pappigen Industrie-Joghurts, in dem Maß überschreitet, das der andere nicht weiß, ob man ihn sofort probieren oder doch einfach noch einmal warten kann. Sie vertreiben sich für gewöhnlich die Zeit zwischen Probieren und Warten, indem sie einander Begebenheiten, Erlebtes, Beobachtungen erzählen und manchmal auch ihrem Schöpfer danken.

Sein Sommer beginnt immer im späten November, wenn das warme gelbe Licht der Straßenlaternen in der kalten Nacht sein Zuhause ist. Transluzente Geschichten. Schweigsam im nebeligen Schnee sind sie das einsame Surrogat in der Flüchtigkeit des Moments. Sie fallen zu Boden, kaum sichtbar im Lichtspiel der Laternen. Seine Spuren im Schnee verbinden manch vereinzelte Episoden zu einer, zu seiner Geschichte.
Insbesondere wenn der Schnee zu Eis, die Straßen leerer und der Atem nebliger wird, gibt es diese lustigen Begegnungen mit Schneeflocken die sich, ohne Referenzmuster, in seinem grauen Bart vergnügen. Sie sind dann auf bizarre und einzigartige Weise synchron mit den Spuren am Boden – der Kapitelgeber jeder der aus einzelnen Sätzen entstehenden Amouren.

Später dann, wenn er in seinem leeren Haus die Geschichten niederschreibt, weiß er, das die Geschichten nichts anderes als Erinnerungen sind. Fragmente aus dem Heute, dem Gestern und auf paradoxe Art auch aus dem Morgen. Das Kerzenlicht und der Rauch der Zigaretten erzeugen Schattenspiele in dem leeren Raum. Vereinen sich zu einer Melange mit den mikroskopisch kleinen, unique-berauschenden Mustern von Kolibrischnäbeln, die in den Staub auf dem Fensterbrett gezeichnet sind. Trotz der ewigen Schönheit dieses Ortes spürt er, nur Augenblicke später, eine immer wiederkehrende Stille. Etwas fehlt. Elementar, radikal und unwiederbringlich absorbiert von der Einsamkeit.

An einem nicht allzu fernen Tag wird er es verstehen. Die halbgerauchte Zigarette im Aschenbecher ausdrücken, das Kerzenlicht löschen, das leere Haus verlassen und aus dem November einen August, aus der Nacht einen Tag machen. Seine Spuren werden aus dem Schnee des Winters in den Staub des Sommers übergehen. Er wird so weit laufen, bis er inmitten von Lavendelfeldern steht, ihren Duft einatmet, in den Himmel schaut und sieht, wie sich beide Sonnen umarmen und eins werden. Diese lächelt dann zurück, denn sie hat seine Spuren im Staub entdeckt, aus denen sich eine neue, eine bessere Geschichte entspinnen wird.


(Musik: Diamanda Galás – My World Is Empty Without You)
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Fragmente II – Narben.

Aus dem Leben und den Erinnerungen des Rev. C. Schwarz.


Ein ganz gewöhnlicher Sommertag im Schwimmbad. Der Eisverkäufer hat sein Publikum, ausgelassene Stimmung, es riecht nach Sonnencreme, Bratwurst, Wiese und Chlor. Ein kleiner Junge stapft durch das Kinderbecken. Abkühlung. Spiel. Spaß. Es ist eine unbeschwerte Zeit. Niemand sorgt sich, kollektiver Rausch im Unbekümmert sein. Die Sonne ist fröhlich und buhlt um Freundschaft.

Am Rand des Kinderbeckens sitzen zwei Männer und rauchen, lachen, trinken. Sie winken den kleinen Jungen zu sich. Einer, der mit dem Tattoo eines Kreuzes in der Beuge zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand, fragt, ob der Kleine denn wüsste das ein Zündholz zweimal brennt. Seine Stimme ist hochprozentig, sein Atem sauer. Er zündet ein Zündholz an, pustet es aus und drückt das noch glühende Holz oberhalb des Bauchnabels in den erst dreijährigen Körper. Dann noch ein Holz und noch ein Holz. Blasen bilden sich, übersähen die zarte Haut mit kleinen Kratern. Der kleine Junge weint nicht. Auch nicht, als er die Glut der Zigarette an seinem Geschlechtsteil spürt. Er fühlt keinen Schmerz – nur die Wut, unterlegen und allein zu sein.

Dunkle Wolken ziehen auf, die Sonne schwindet betrübt aus der Landschaft, will kein Voyeur auf der Schwarz-Weiß-Postkarte dieses Moments sein. Alleine, hilflos, wehrlos, steht der kleine Junge noch im Kinderbecken, als die beiden Männer längst lachend weitergezogen sind. Etwas ist an diesen Tag in dem Kleinen zerbrochen. Wenn er groß und stark ist, so schwört er sich, wird er sich wehren. Er wünscht sich einen großen Freund zu haben. Wie den Typen, der gerade mit schweren Stiefeln, Sonnenbrille und starken Armen, einen Motorradhelm in der Hand, Richtung Ausgang des Schwimmbads geht. Er bleibt kurz stehen und lächelt den kleinen Jungen an, bevor er verschwindet.

Ein paar Jahre später ist aus dem kleinen Jungen ein Teenager geworden. Auf der ersten Seite der Montagszeitung ist von einem Leichenfund im Stadtpark die Rede. Zwei unbekannte Tote. Verbrannt. Selbstgebrannter Schnaps hat sich scheinbar durch eine Zigarette entzündet. Die beiden waren wohl zu betrunken, um merken was mit ihnen passiert. Es bleiben aber noch Fragen offen. Die beiden Leichen sind derart stark verbrannt, das eine Identifizierung nahezu unmöglich ist. Einzig eine Tätowierung in Form eines Kreuzes unterhalb des Daumens der linken Hand, ist bei einer der beiden Leichen erkennbar. Die Polizei bittet um Mithilfe.

Der Junge schaut aus dem Fenster, erinnert sich, fühlt den Moment noch einmal. Auf der anderen Straßenseite wirft ein Mann eine Zigarette auf die Straße, zieht seinen Helm auf, setzt sich auf sein Motorrad und startet. Bevor er losfährt blickt er hoch zum Fenster des Jungen, nickt ihm lächelnd zu und wird dann eins mit dem Asphalt. Der Junge versteht. Er läuft schnell runter auf die Straße, doch der Motorradfahrer ist schon zu weit weg.

Dort, wo der Motorradfahrer gestanden hatte, findet der Junge auf dem Bordstein eine Schachtel Zündhölzer. Sie riecht nach billigem Schnaps, ist fast leer – nur ein abgebranntes Zündholz liegt darin. Der Junge hebt die Schachtel auf, steckt sie in seine Hosentasche, lächelt. Es tut gut zu wissen, nicht allein zu sein. Am Ende der Straße verschwinden die Rücklichter des Motorrads.


(Musik: MONO – Little Boy)
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Fragmente I – Landschaft.

Aus dem Leben und den Erinnerungen des Rev. C. Schwarz.


Auf einer Wiese, im hohen Gras sitzend, die Arme die angewinkelten Knie umschliessend. Hinter ihm sitzt seine Erinnerung im geblümten Sommerkleid, flankiert schützend mit ihren Schenkeln die seinigen. Aneinandergelehnt wird der Moment eins mit dem nahen Horizont. Sinnlich und sphärenverschoben.

Hält ihn fest, umarmt ihn. Er fühlt wie eine Hand, behutsam geführt, die verschlüsselte Botschaft seines Rückens zu entziffern versucht. Trotz der düsteren Geschichte erzählt er von der ewigen Pracht blühender Lavendelfelder, decodiert jede einzelne Linie, verknüpft Tinte mit Landschaft, Worte mit Bildern und Gefühle mit Schweigen. Sie hat den Kopf in seinen Nacken gelegt, der Atem ein leiser Choral. Ein Energiefluss, stark und mächtig. Aus ihrer Mitte pulsiert es. Äonen von Wellen transformieren den Moment in unendliche Reinheit, codieren seine Geschichte neu und glätten die alten Narben.

Ein zarter Windhauch erfrischt die Stille, umhüllt den Moment mit dem Duft ferner Blumenwiesen, lässt das Geschehen unter den Schleierwolken des Schweigens verschwinden und verstärkt doch das Band das die beiden Seelen verbindet – unsichtbar und rein.

Das Klopfen zweier Herzen übertönt das schwere Atmen. Umschlungen sitzen sie, ihre Hände nun auf den entschwundenen Narben auf seinem Bauch. In einen Strudel geraten, untergehen, auftauchen. Der Wind trocknet die Tränen, lässt den Moment verflüchtigen und erzählt zum Abschied die Geschichte eines kleinen Jungen der hofft, der betet, dass die Pfirsichbäume niemals ihre Früchte verlieren, die Sonne niemals aufhört zu scheinen, das ein Moment ewig sei und niemand für nur einen Sommer tanzen sollte.


(Musik: Anja Lechner & Vassilis Tsabropoulos – Prayer)
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© by Reset Black. "Reset Black" is a Radioshow for those who enjoy sounds on the periphery of silence.